Interview

"Diese Schule läuft"

Interview NOZ-Redakteurin J. von den Benken mit Schulleiter Stefan Schmidt

Seit 2012 leitet Stefan Schmidt die Wallenhorster Realschule. Der gebürtige Lohner ist 45 Jahre alt, Vater von vier Kindern und wollte eigentlich nach der 10. Klasse Diplom Musiker werden und nicht Lehrer. Heute erfüllt ihn sein Beruf als Schulleiter jedoch mehr denn je und die Musik hat er zu seinem Hobby gemacht. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über Besonderheiten seiner Realschule, Herausforderungen durch den Wandel und die Zukunft der klassischen Schulformen.

Foto: J. von den Benken

Was zeichnet Ihre Schule besonders aus?
Als ich hier vor gut drei Jahren Schulleiter werden durfte, war die Schule bereits gut aufgestellt. Meine Vorgängerin hatte klare Strukturen geschaffen, die ich gemeinsam und in Absprache mit meiner Stellvertreterin und dem Kollegium weiter definiert und ausgefüllt haben. Ein Schwerpunkt unserer Schulentwicklung der letzten Jahre war sicherlich die Stärkung der Berufsorientierung. Unsere Schule bereitet die Schüler durch vielfältige Maßnahmen bewusst auf den Einstieg in das Berufsleben vor, schließt dabei aber auch den anschließenden Besuch eines Gymnasiums nicht aus. Wir haben neben der anschließenden Berufsausbildung auch die weitere schulische Laufbahn unserer Schüler permanent im Blick. Das ist ein Aspekt, der uns sehr wichtig ist.

Was heißt denn Vorbereitung auf das Berufsleben konkret?
Wir haben beispielsweise die Berufsorientierung in den oberen Jahrgängen stark profiliert. Die Bereiche „Technik“, „Gesundheit und Soziales“ und „Sprachen“ wurden eingeführt. Das Profil „Wirtschaft“ hat sich allerdings bisher nicht durchsetzen können. Es wird von den Schülern einfach nicht angenommen. Die Berufsorientierung startet allerdings schon in Klasse acht – neben dem Wirtschaftsunterricht sind die Schüler eine Woche an der Berufsbildenden Schule in Bersenbrück und erstellen eine persönliche Kompetenzanalyse, mit deren Hilfe sie sich später für ein Profil entscheiden müssen. In Jahrgang 9 führen wir dann unter anderem die Profilwoche und zwei Praktika durch. Gerade die Profilwoche mit den verschiedenen Kooperationspartnern aus Schulen und Betrieben ist in dieser Form einzigartig und erfolgreich.

Und wie sieht das Konzept in den anderen Jahrgängen aus?
Wir setzen in jedem Jahrgang einen Schwerpunkt. In den fünften Klassen steht das Kennenlernen der Schule und unserer Lernmethoden sowie soziales Training neben den Unterrichtsinhalten laut Lehrplan auf dem Programm. In Klasse sechs findet die erste Neigungswahl mit der Einrichtung der Wahlpflichtkurse statt. Hierbei geht es darum, schon früh zu erkunden, welches Profil zum einzelnen Schüler passt Wir bieten im Jahrgang 6 momentan als Wahlpflichtfächer Informatik, Biologie, Werken, Kunst sowie Französisch an. Außerdem beschäftigen sich die Schüler weiter intensiv mit den Lernmethoden. Im Jahrgang sieben steht unser Sprachenprojekt „Lingua Project“ mit sogenannten Native Speakern (Muttersprachlern) auf dem Lehrplan. Eine Woche lang werden die Kinder von englischsprachigen Pädagogen unterrichtet. Am Ende der Woche findet eine entsprechende Präsentation in der Schule statt. Ab Jahrgang acht startet die Berufsorientierung. Zusätzlich nehmen unsere 8. Klassen an Jugendgemeinschaftstagen teil, um ein spezielles Thema wie Sucht, Medien oder Berufsorientierung intensiver erarbeiten zu können.

Herr Schmidt, über die klassischen Schulformen wird derzeit viel diskutiert. Sehen Sie für die Realschule Wallenhorst eine realistische Zukunft und macht Ihnen die neue IGS in Bramsche Konkurrenz?

Auch in diesem Schuljahr sind wir wieder mit drei fünften Klassen gestartet und das entgegen der Trendaussage. Das freut mich sehr. Bei einer durchschnittlichen Klassenstärke von 25 Schülern sind wir gut aufgestellt. Also ja, ich sehe eine Zukunft. Blickt man jedoch auf die letzten fünf Jahre zurück sind die Anmeldezahlen schon rückläufig. Die Konkurrenz ist groß. Sei es die private Oberschule in Haste, die IGS in Eversburg oder nun die neue IGS in Bramsche, die Schüler mit einer Realschulempfehlung aus Wallenhorst als weiterführende Schulen wählen können. Natürlich bereitet mir das Sorgen.

Kommen denn Schüler aus Osnabrück oder Bramsche im Gegenzug an ihre Schule?
Das würden sicher einige gerne tun. Nur leider setzt das Gesetz dem einen Riegel davor. Es geht dabei um bestehende Schulbezirke. Schüler dürfen nur ihre Schulbezirke verlassen, wenn es die von ihnen gewünschte Schulform nicht in der eigenen Gemeinde oder Stadt gibt. Wer also eine IGS oder Oberschule besuchen möchte, darf Wallenhorst verlassen und in Bramsche oder Osnabrück zur Schule gehen. Wer jedoch beispielsweise aus Icker oder Pye unsere örtlichen weiterführenden Schulen besuchen möchte, darf das nur mit einer Ausnahmegenehmigung, denn in Bramsche und Osnabrück gibt es auch Haupt- und Realschulen. Fakt ist also: Wir sehen, dass immer mehr Schulen um Wallenhorster Schüler werben, haben aber selbst keine Möglichkeit, von außen Schüler aufzunehmen. Das ist in dieser Form kein fairer Wettbewerb und schon eine belastende Situation. Hinzu kommt, dass ich in jedem Jahr vor den Anmeldeterminen von etlichen Eltern aus Randbezirken Anfragen erhalte, die Interesse an der Realschule Wallenhorst haben und ihre Kinder gerne zu uns schicken würden. Das geht jedoch leider nicht, hierzu bedarf es einer politischen Vereinbarung der betroffenen Schulträger, um die bestehenden Schuleinzugsbezirke zu ändern.

Wie grenzen Sie sich zur IGS und zur Oberschule ab? Also warum sollte ich mein Kind zur Realschule Wallenhorst schicken?
Wir grenzen uns durch die eingangs beschriebene Profilierung deutlich ab. Auch ist das System Realschule eine erprobte und bewährte Schulform. Wir müssen uns nicht mehr finden, definieren, neufinden, erneut umstrukturieren usw. Jeder der einmal etwas grundsätzlich Neues angefangen hat, weiß, wie viel Energie allein in das Schaffen funktionierender Strukturen geht. Unser Lehrerkollegium ist motiviert, etabliert und entwickelt die Schule auf den guten Strukturen weiter. Zusätzlich wird diese Schule sowohl von der Gemeindeverwaltung als auch von der Wallenhorster Politik getragen und nach besten Möglichkeiten unterstützt. Diese Schule läuft, wenn ich das so sagen darf (lacht). Aber wir bleiben auch nicht stehen. Unser System entwickelt sich kontinuierlich weiter. Auf jeder Lehrerversammlung wird beispielsweise der Punkt Schulentwicklung besprochen.

Könnten Sie sich vorstellen gemeinsam mit der Alexanderschule eine Oberschule zu bilden?
Diese Notwendigkeit sehe ich derzeit nicht. Die Frage muss immer sein, welchen Vorteil hat jeder einzelne Schüler von einer Zusammenlegung, wer profitiert davon? Die Osnabrücker Gesamtschulen betonen immer, dass sie gut funktionieren, weil sie innerhalb ihrer Schülerschaft die Gesellschaft abbilden. Das heißt, sie nehmen bis zu 60% Schüler mit Gymnasialempfehlung und bis zu 30% mit Realschulempfehlung auf. Wie viele leistungsschwächere Schüler und Schüler mit Unterstützungsbedarf verbleiben dann? Momentan sehe ich für Wallenhorst in einer Zusammenlegung keinen Vorteil. Im Gegenteil: Jeder Schüler wird bestmöglich gefördert. Die Durchlässigkeit ist in alle Richtungen gegeben. Die Zusammenarbeit mit der benachbarten Alexanderschule läuft gut und harmonisch. Wenn an der Alexanderschule beispielsweise noch AG-Plätze im Ganztag wie bei der Mofa-AG frei sind, können interessierte Realschüler dort mitmachen. Auch haben wir spezielle Angebote wie die Juleica-AG, die wir gemeinsam organisiert und durchgeführt haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft ihrer Schule?
Das wir so bleiben dürfen wie wir sind und uns auch weiterhin kontinuierlich weiterentwickeln. Die Realschule Wallenhorst wird von Schülern und Eltern gut angenommen. Das sollten wir nicht aus ideologischen Gründen zerstören.

Quelle: NOZ vom 26.10.2015 (hier: ungekürztes Interview)

 

 

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